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Dänemark
neu
entdecken

 

Das Thermometer hat die 30-Gradmarke geknackt. Schon seit ein paar Tagen – bei uns im Norden! Fast hätte ich das Anbaden verpasst. Noch vor zwei Wochen hatte das Fördewasser gerade mal so 13, 14 Grad. Und – schwupp – sind es 20. Und ich – schwupp – nichts wie rein ins nasse Vergnügen. Morgens, vor dem ersten Koffeinschub. Besser kann der Tag nicht beginnen.
So werde ich die nächsten Wochen wohl auch in den Tag starten, wenn wir mit der CHINTA wieder in See stechen. Der Weg ins Wasser wird dann deutlich kürzer. Badeleiter runter – schwupp – und rein. Große Vorfreude macht sich breit. Mit doppelter Impfdosis ist der Körper gegen alle Virusmutanten gut gerüstet.
Ursprünglich sollte Schweden ein weiteres Mal unser Ziel sein. Und zwar der Vänern, das Herzstück von Skandinavien mit über 20.000 Schären. Doch wir folgen nicht dem Herzen, sondern der Vernunft. Das Risiko im Land der Elche erscheint uns vorerst noch zu hoch.
Und so steigt die Neugierde, Dänemark neu zu entdecken. Zumal wir die letzten Jahre bei unserem Nachbarn quasi nur durchgefahren sind. Kommt da etwa ein schlechtes Gewissen auf?
Das Gewitter nach der Heißwetterphase ist abgezogen, und wir hinterher. Unser Plan: Kein Plan! Zeit und Raum – einfach mal schauen. Das überlassen wir der Natur, passen uns an. Erst einmal. Genügend Bücher sind auch gebunkert. Nach einem Blick auf die Seekarte habe ich mir dann doch noch einige Orte notiert. Solche, die schon länger in Vergessenheit geraten sind.
Ablegen – Segel hoch – Motor aus – und dann nur noch ein leises Rauschen des Meeres an der Bordwand. Wie oft ich das, auch nur kurz für zwei, drei Stunden auf der Innenförde genossen habe, verdeutlicht ein Blick auf den Plotter. Die elektronischen Spuren der CHINTA, die vielen schwarzen Linien, verschwinden erst wieder, der Einstellung gehorchend, nach 400 Seemeilen. So mutiert die Innenförde auf dem Display quasi zum Schwarzen Meer.
Nach Passieren der Schwiegermutter, die wir stets voller Ehrfurcht grüßen, weichen die schwarzen Spuren der CHINTA zunehmend. Denn hier beginnt die Außenförde. Moderater Westwind schiebt uns zwischen Sønderborg und den Dybbøler Schanzen in den Alsensund. Landschaftlich ist der Sund immer wieder ein Naturerlebnis. Viel zu schnell sind wir auf Höhe der Untiefentonne Snobæk Hage. In südlicher Richtung geht es nach Augustenborg, mit Kurs Nord nach Dyvig und in die Apenrader Bucht.
Doch wir gleiten ganz spontan geradezu ins Stevning Nor. Eine kleine, von vielen Seglern kaum beachtete Bucht. Kurz überlegen wir, wie lange auch wir nicht mehr hier waren. Zu lange, um die spartanische Steganlage des paradiesischen Naturhafens wiederzuerkennen. Eine Kleinigkeit brutzeln, ein Glas Wein, ein Buch. Die Seele baumelt wie eine arbeitslose Wäscheleine in der Abendsonne. Schon am ersten Tag. Auge in Auge mit der Natur. Wir müssen uns nicht kneifen, schauen uns nur ungläubig an und lauschen dem Gesang der Vögel.
Heute ist Sommeranfang, der längste Tag des Jahres. Auch das ist ein Geschenk. Fast 18 Stunden liegen zwischen Sonnenaufgang und -untergang. Keine weiteren Gastlieger, wir sind auf uns gestellt. Die heimischen Boote erwecken den Eindruck schon länger verwaist zu sein. Eine fremde abgerissene Festmacherleine repariere ich notdürftig, da Boot und Holzsteg bereits Kampfspuren aufweisen.
Bin überrascht, als ich morgens bei meiner Joggingrunde sehr herzlich begrüßt werde. Die braune Labradormischung von kräftiger Gestalt kommt schnurstracks lechzend auf mich zu. 150 Jahre nach den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Dänen setze ich ein Zeichen und reiche meine Hand. Dem hinterher humpelten Hundehalter frage ich vorsorglich, ob sein vierbeiniger Begleiter denn schon gefrühstückt hat. Sein Deutsch ist offenbar so gut wie mein Dänisch. „Jo“ erwidert er kurz und knapp. Als mein neuer Freund dann noch vor lauter Freude mit seinem durchnässten Fell seine ganze Köpergröße vor mir aufbaut, bemerke ich nur „und gebadet hat er auch schon“. Ein grinsendes „Jo, Jo“ bestätigt meine Vermutung. Einer herzlichen Umarmung konnte ich gerade noch ausweichen. Eine Stunde später spuckt mich die Natur nach morgendlicher Körperertüchtigung ohne weitere Vorkommnisse wieder aus.
Der Wind weht mäßig aus Nordwest. Ein entspannter Kreuzkurs steht uns im Alsensund bevor. Am Ausgang des Sunds freue ich mich auf mehr Wind. Fehlanzeige, still ruht der See. Ähhh – die See. Der Motor übernimmt. Wie oft haben wir schon hier, in der Apenrader Bucht, so richtig was auf die Mütze bekommen.
So gleiten wir gemächlich in die Genner Bucht hinein. Neben guten Ankermöglichkeiten warten dort gleich drei Häfen auf Segeltouristen. Vor der kleinen Insel Barsø stecken wir aus Neugierde kurz die Nase bzw. das Bug rein. Bis zum Ende der Bucht, nach Kalvø, sind es nur gut zwei Meilen.
Das einst so feudale Hotel ist längst verwaist. Ein kleines Museum öffnet dort für ein paar Stunden am Tag und gewährt Einblick zurück bis in die Eiszeit. Steine, aus vielen Regionen der Ostsee, bis nach Bornholm und Schweden, wurden hier „angespült“. Später hinterließen die Wikinger dort ihre Spuren. Die Natur, rund um den Hafen, ist einzigartig und lädt zur ausgiebigen Erkundung ein. Viele Vogelarten fühlen sich hier heimisch. Den weniger attraktiven Hafen Sønderballe erkunden wir auf Schusters Rappen.
Mit reichlich Sonne und wenig Wind verlassen wir diesen geschichtsträchtigen Ort und frühstücken in der Sperrzone. Eher selten finden bei Helle Banks noch militärische Schießübungen statt. Doch ein Tag zuvor wurde hier noch scharf geschossen.
Gestärkt segeln wir mit auffrischendem Wind durch den Årøsund und über einige Untiefen mit Kurs Nord. Auf Höhe der kleinen Insel Brandsø versteckt sich hinter einem Landvorsprung Hejlsminde. Die Hafenzufahrt ist etwas tricky, aber gut gekennzeichnet. Die Fahrrinne ist in der Seekarte mit gerade mal 1,70 Meter Tiefe angegeben, für unsere CHINTA zu wenig. Doch es wurde gebaggert, ein paar Handbreit haben wir noch unterm Kiel.
Eine wärmende Hafenatmosphäre ergreift uns an diesem sonnigen Tag. Es ist der letzte Schultag vor den Ferien. Voller Übermut springen die Kinder immer wieder mit Juhuu-Rufen von einer Straßenbrücke ins Wasser. In Dänemark ist es Brauch der Schüler zum Abschluss ihrer Schulzeit mit bunt geschmückten Lastwagen und lauter Musik hupend, schreiend, tanzend bei reichlich Alkoholkonsum durch die Straßen zu fahren. Diese „Viehtransporter“, wie ich sie scherzhaft nenne, begegnen uns an diesem Wochenende zuhauf.
Das erste dänische Softeis ist fällig, die Wanderung ums angrenzende Noor kann noch warten. Die geplante Radtour nach Haderslev machen wir ganz spontan per Bus. Schließlich benötigen wir die Energie noch für die Stadt.
Das kleine beschauliche Städtchen hat sich durch die kühle nordische Architekturkunst in den vergangenen Jahren gewandelt. Auf Anweisung meines 1. Offiziers (IO) schalte ich in der Gogade abrupt von Marschgeschwindigkeit auf Bummel-Modus um. Schließlich geht es in Stopp and Go über. Konzentriere mich nun auf die Artenvielfalt der Leute, mein IO auf die Auslagen der vielen Läden. Am Hafen entspannen wir anschließend gemeinsam.
Auch am nächsten Tag, in Middelfart, hören wir diese „Viehtransporter“ schon von weitem heranbrausen. Unsere 15-Meilen-Etappe am Ausgang des Kleinen Belts verläuft dagegen unspektakulär. In den bis zu 50 Meter tiefen Windungen werden wir mit zwei Knoten Strom zusätzlich beschleunigt. Spielende Schweinswale begleiten uns.
Beim Passieren der Kongebro entdecken wir seltsame Gestalten. Ganz oben, in 60 Meter Höhe, auf den Verstrebungen der Brücke. Ein Blick durchs Fernglas bestätigt es, da laufen Menschen rum. Todesmutige oder einfach nur übermütige, glückliche Dänen? Später erfahren wir die Lösung: „Bridgewalking“ wird den Touris von der geschäftstüchtigen Kommune angeboten. Wer’s braucht...
Von unserem Liegeplatz im Nyhavn D 21 Mittelfarthaben wir einen fantastischen Blick auf beide Brücken, die Jütland und Fünen miteinander verbinden. Kurz vor 22 Uhr beendet ein feuerroter Ball hinter der Kongebro den Tag. Die Walker werden wohl wieder am Boden sein.
Am Tag darauf walken auch wir – nein, nicht über die Brücke – sondern durch den Hindsgavl-Naturpark. Auf der stark bewaldeten Halbinsel begegnet uns reichlich Rotwild. Während im angrenzenden Sund sich die Schweinswale tummeln. Der Lillebeltsti gibt immer wieder mal einen Blick auf den Sund, das gegenüberliegende Festland und die kleine Insel Fånø frei.
Highlight unserer vierstündigen Wanderung ist das Hindsgavl-Slot mit herrschaftlichem Park und gepflegtem Kräutergarten für die Hotelküche. Denn heute beherbergt das, wie ein Gutshaus wirkende prunkvolle Gebäude, betuchte Gäste. Schließlich endet unsere Tour im Hafen, wo moderne, klotzige Bauten das hyggelige Stadtbild vergangener Tage verdrängen.
Sind nun seit einer Woche unterwegs. Mein allmorgendliches Bad wäre heute fast ausgefallen. Brandquallen, reichlich! Doch für ein paar Züge traue ich mich dennoch zu den unliebsamen Nachbarn. Dann noch eine kalte Dusche und die Bartstoppeln kürzen. 50er Sonnencreme statt Aftershave. Die Sonne steht schon hoch am Himmel. Der Kaffee duftet aus dem Cockpit.

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