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Auf nach Pommern

Am fünften Segeltag nehmen wir Kurs auf Polen. Der Bodden hat sich etwas beruhigt, spuckt uns an einer engen Passage schließlich in die freie Ostsee aus. Vorbei am Greifswalder Oie und den ersten beiden militärischen Sperrgebieten können wir Dziwnow anlegen. Mit nunmehr 300 Seemeilen im Kielwasser betreten wir in einem modernen Hafen polnischen Boden und lernen zur Begrüßung die ersten Vokabeln: „Dzien dobry“. Und wer keine Zlotys hat, zahlt mit Euros bei einem Kurs von 1 : 4.Ein großes Schild mit dem Europaemblem verweist auf jüngste Bauaktivitäten und den gönnerhaften „Spender“ aus Brüssel. Alles vom Feinsten, auch mit Niro wurde nicht gespart. Eine großzügige Halle für die maritime Sportabteilung des Ortes befindet sich noch im Bau. Hier wird also geklotzt und nicht gekleckert – wow!

Über die Dziwna gelangt man ins Stettiner Haff. Diese Route wird gern von Berliner Motorbootfahrern genutzt. Segelboote mit maximal 12 Meter Mastlänge passen gerade noch unter die Brücke bei Wollin. Doch unsere Route führt uns weiter ostwärts. Bis Danzig sind es noch etwa 200 Meilen. An Steuerbord immer das gleiche Bild, bis zum Ende der Halbinsel Hel: Sauberes, grünblaues Ostseewasser – feinster Sandstrand – Dünen – Bäume – Grünes Hinterland – Himmel. Sollte dieses Bild mal unterbrochen sein, ist eine Flussmündung in Sicht. Kleine Hafenstädte laden dort zum Verweilen ein. Wie auf einer Perlenschnur aufgezogen, sind sie gut auf einem normalen Tagestörn erreichbar. An Backbord nur die Weite der Ostsee, bis zum Horizont. Und wehe dem, wenn hier ein steifer Westwind bläst. Ab fünf Windstärken sollten einige Häfen wegen der gefürchteten Grundseen dann besser nicht angelaufen werden.wikinger schiff

Bei moderatem Wind erreichen wir nach 33 Meilen und ohne Komplikationen den über die Grenzen hinaus altehrwürdigen Kurort Kolberg. Da fallen mir die Worte des Dichters Wolfgang Borchert ein. Sie passen zu Pommern, wie der Wind zum Meer:

Du bist vom Wind erlöste Ackerkrume,

du bist ein Kind von Fisch und Blume,

du bist von Stern geboren in einer großen Nacht,

Gott hat sein Herz verloren und dich daraus gemacht.“

Trotz der vielen Sehenswürdigkeiten begnügen wir uns zunächst mit einer kurzen Stippvisite. Große Parks mit alten Baumbeständen und mondänen Altbauten stehen im Kontrast zu neuzeitlichen Hotelanlagen und modernen Straßenzügen. Der Strand ist ein Traum. Die Sonne scheint gratis. Nach sechs Segeltagen belohnen wir uns mit einem freien Tag und einem leckeren Essen in einem feinen Restaurant. Beim Streifzug durch die 50-Tausend-Seelen-Stadt nehmen wir die hoch hinauf ragende Basilika aus dem 14. Jahrhundert und das Militärmuseum näher in Augenschein. Für den Rückweg ist mehr Zeit für Sightseeing eingeplant. Am nächsten Morgen um acht werfen wir in der modernen Marina-Solna die Leinen los. Für einen klaren Kopf sorgt ein starker Kaffee vorm Ablegen. Zum Frühstücken bleibt unterwegs noch reichlich Zeit.

45 Seemeilen weiter östlich und sieben Stunden später melden wir uns über Kanal 12 bei der Bridge Control von Darlowo. Die Rollbrücke vor der Hafeneinfahrt öffnet zu jeder vollen Stunde. 20 Minuten kreisen wir im Vorbecken und beobachten das emsige Treiben der Touris. Und die wiederum beäugen uns, die Neuankömmlinge, wie Außerirdische. Hinter den gewerblichen Ausflugs- und Fischerbooten und einem auf alt getrimmten Piratenschiff reihen wir uns ein und machen wenige Meter flussaufwärts in der frisch renovierten Marina fest. Auch hier neue Schwimmstege mit Strom- und Wasserversorgung und einer Sanitäreinrichtung vom Feinsten. Ein großer TV-Monitor steht für Live-Übertragungen bei der bevorstehenden Fußball-WM bereit. Doch wir kapern zunächst eines der Fischgeschäfte, die wir bei der Ankunft in Hafennähe gesichtet haben. Und somit steht heute reichlich frische Räucherware auf dem Speisezettel. Für wenig Geld beste Qualität! Mit dem einen und anderen Verteiler wird der hohe Fettgehalt kompensiert. Wat mutt, dat mutt! Und sogar ein Verdauungsgang ins zwei km entfernte Dorfzentrum ist noch drin.

Am nächsten Tag wird‘s spannend, denn zwischen Darlowo und Ustka erstreckt sich das größte militärische Schießgebiet an der polnischen Küste. Zwar informiert das polnische Militär nicht mehr Wochen in voraus über geplante Sperrzeiten, dennoch hilft hier das Internet. Unter der Adresse www.bhmw.mw.mil.pl werden laufend (leider sehr kurzfristig) navigatorische Mitteilungen und Warnungen in polnischer und englischer Sprache veröffentlicht. Sich daran zu halten wird dringend empfohlen! Wir haben Glück und können auf direktem Weg, also der Küste entlang, unser nächstes Tagesziel ansteuern.

Doch ganz so einfach wird es dann auch wieder nicht. Der leichte Wind aus Nordost bläst uns Seenebel um die Nase, eine Stunde nach dem Ablegen. Im Hafen haben wir noch unter blauem Himmel gefrühstückt. Doch nun ganz dicke Suppe um uns herum. Die Positionslampen sind an, kann aber eh keiner sehen. Das AIS ist aktiviert, doch die polnischen Fischer bleiben gern unerkannt. Wollen wohl ihre geheimen Fanggründe nicht preisgeben. Nebelhorn und Signalhupe liegen griffbereit, um uns bemerkbar zu machen. Doch unter laufender Maschine ist auch dies kein großes Hilfsmittel. Als wir ein monotones Motorengeräusch an Steuerbord ausmachen, entfernen wir uns weiter von der Küste. Das Geräusch verstummt, auf dem Plotter wurde eh nichts angezeigt und auch die Funke blieb ruhig. War wohl ein Fischtrawler bei der Arbeit. Nun hoffen und beten wir, keines der vielen ausgelegten Fischernetze zu treffen. Denn die Markierungen, also die Fischerfahnen am Ende der langen Reusen, sind unter diesen Bedingungen beim besten Willen nicht zu erkennen.

Nach einer unendlich langen Stunde ist der Spuk vorbei. Schon bald setzt sich das Blau am Himmel wieder durch und um uns herum – nichts. Keine Boote, keine Fischerfahnen. Nur die Küste ist weiter entfernt als zuvor. Nach weiteren zwei Stunden melden wir uns per UKW-Funk beim Kapitanat Ustka an. Die große Fußgängerbrücke schwenkt gemächlich auf, um uns, vorbei an der bronzenen Meerjungfrau, die Zufahrt zum Hafen zu gewähren.

 

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