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Das bewährte Doppelpack

Rund 180 Seemeilen trennen uns noch von Mecklenburg-Vorpommern. Denn für Peenestrom und Achterwasser haben wir zwei reichlich Zeit eingeplant. Über Ustka und Darlowo steuern wir, schön dem Küstenverlauf folgend, Kolberg an. doppelpackAuch mein „1. Offizier“ ist von den modernen, gut ausgestatteten Marinas sehr angetan. Seenebel, Fischernetze, Militär: Fehlanzeige. Wie schön! Einzig der Wind, das heißt, die Windrichtung bereitet uns zunehmend Sorge. Teilweise ist es schwachwindig, sodass der Motor häufiger zum Einsatz kommt. Dann segeln wir wiederum eine ganze Tagesetappe bei idealem Südost. Fast ohne Welle, bei ablandigem Wind. Doch dann pendelt sich der Wind zunehmend auf West ein. Wäre ja auch zu schön, nun den Ostwind von der Hinfahrt nutzen zu können.

Komisch, die vielen Windräder entlang der Küste bis Kolberg habe ich auf dem Hinweg gar nicht so bewusst wahrgenommen. Also auch hier in Polen: Umweltbewusste Energiegewinnung. Im großzügig ausgebauten Hafenbecken der Marina-Solna sind auch am späten Nachmittag noch ausreichend freie Liegeplätze vorhanden. Sicher sieht es im Juli, nach Ferienbeginn in Polen und Meck-Pomm, ganz anders aus. In dem über die Grenzen bekannten Kurort gönnen wir beide uns ein paar Tage. Wir wundern uns nicht, dass hier, bei den vielen Hotelhochbauten, so viel deutsch gesprochen wird. Die kilometerlangen Parkanlagen, parallel zur Strandpromenade, kompensieren irgendwie die aneinander gereihten Bettenburgen. Und auch die vielen grau melierten Kurlauber verteilen sich ganz gut über die Stadt oder aber sie beschäftigen sich hinter den Hotelmauern mit ihren Heilkräutern. Jedenfalls können wir uns überall unbeschwert per Fahrrad und auch auf Schusters Rappen bewegen. Lassen die Mischung aus Natur und Kultur auf uns wirken.

In der Marina dann ein überraschendes Wiedersehen mit Vereinskameraden. Auch sie wollen nach Danzig. Unser Kurs zeigt nach Westen. Dort, wo der Wind herkommt. Bei nur 3 Windstärken hat sich bereits eine unangenehme, kabbelige Welle aufgebaut. So quälen wir uns über sechs Stunden mehr schlecht als recht zum nächsten Hafen. Noch in der Flussmündung der Dziwna frischt der Wind mächtig auf. SW 5 - 6. Sind froh, als wir in Dzinow festgemacht haben.

Es ist drückend heiß und schwül. Die Wetterprognose lässt nichts Gutes erahnen: Ein kräftiger Sommersturm bahnt sich an. Erstmals kommt die Kuchenbude zum Einsatz. Wir machen es uns gemütlich und haben so Muse zum Lesen. Und – in diesem kleinen Örtchen ist Leben drin, es gefällt uns. Zur einen Seite Strand und Meer, zur anderen der in sich ruhende Fluss, die Dziwna, mit Anbindungsmöglichkeit zum Stettiner Haff.

Die Nacht war erstaunlich ruhig, der nächste Morgen auch. Wir machen uns mit den Rädern auf den Weg ins benachbarte Dzinowek und weiter nach Kamien Pomorski. Doch auf halber Strecke trau ich den Frieden nicht mehr so recht. Der Himmel verändert sich rasch, lässt nichts Gutes erahnen. Und außerdem sind Wettervorhersagen nicht nur für Seefahrer... Wir kehren um! Und noch bevor wir Schutz in Dziwnowek finden, peitschen plötzlich Sturmboen auf uns nieder. Erstaunlicher Weise bleibt der Regen aus. Die Bäume geben der Kraft des Windes bedenklich nach, Zweige fliegen durch die Luft und die Wege sind im Nu mit Kiefern übersät. Ein Wunder, dass wir noch nicht getroffen wurden. Schließlich finden wir beide mit weiteren verängstigten Passanten eng gedrängt Schutz unter einem Mauervorsprung, bis der Spuk vorbei ist.

Am nächsten Tag ein zweiter Versuch, aber mit dem Linienbus. In Kamien Pomorski gibt es dann zu unserem Erstaunen nicht einmal viel zu sehen. Der Cappuccino im neuen Hafen-Cafè ist der Höhepunkt des Tages. Wäre da nicht der Zentrale Busbahnhof – wie im DDR-Format vor 40 Jahren – mit undurchdringlichen Busfahrplänen... Selbst für hilfsbereite Einheimische stellte das Konstrukt ein Rätsel da. Wer – wann – wohin... Eigentlich kann es doch nicht so schlimm sein. Nach längerem Studium und solidarischer Beratung müssten wir fast drei Stunden auf die nächste Rückfahrmöglichkeit warten. Obwohl ständig Busse in unterschiedliche Richtungen abfahren. Durch Zufall werden wir darauf aufmerksam, dass nur 100 Meter weiter eine nicht-staatliche Firma Kleinbusse im Einsatz hat. 15 Minuten später sitzen wir für ein paar Zloty im „Emilbus“, aber auch nur, weil wir uns frühzeitig in die Schlange eingereiht hatten. Einige mussten mangels Platz zurückbleiben. Übrigens, Karmin Pomorski ist auch wunderbar mit dem Boot erreichbar. Aber – da ist ja eh nichts los...

Wir wettern weiter ab, uns wird nicht langweilig. Halten uns aber meist innerorts auf oder eben an Bord. Das heißt, eine Radtour riskiere ich noch. Und zwar über die Klappbrücke nach Wollin. Doch meinen Zielort erreiche ich wiederum nicht. Diesmal halten mich umfangreiche Straßenbauarbeiten davon ab. Also nun doch lesen, warum nicht gleich so...

Die Wetterprognose steht auf Weiterfahrt. Im Laufe des Tages soll der Wind weiter abschwächen. Ein paar Boote haben bereits abgelegt. Bin gespannt, wieviel Restwelle noch draußen vor der Flussmündung ist. Wir warten bis zum Nachmittag. Mit gesetztem Großsegel und Motorunterstützung müssen wir zunächst eine halbe Meile genau gegen an. Immer noch Nordwest 4-5 und 1,5 Meter Welle. Als ich abfalle und auf Kurs gehe, kommen mir Zweifel, ob wir ohne Wendemanöver auskommen oder gar auf den Motor ausweichen müssen. Doch Rasmus hat ein Einsehen, der Wind dreht ganz gemächlich weiter auf NNW und nimmt uns so mit, entlang der hohen Steilküste der Halbinsel Wollin. Dennoch ist es heute kein Genuss. Auf den letzten fünf Meilen, vor der Schifffahrtroute nach Swinemünde, entspannt es sich dann, wir können weiter abfallen und machen obendrein reichlich Speed.

Auf Höhe der Einfahrtsschneise gehen wir vom Gas, die Fock wird eingerollt. Jetzt nur noch zwei gemütliche Meilen, uns begleiten ein paar dicke Pötte. Vorm großen Hafenbecken schallt uns schon laute Musik entgegen. Jahrmarktsatmosphäre, die ich sooo liebe... Und hier gibt’s kein Entkommen. Auf der Suche nach einem geeigneten Liegeplatz entdecken wir dann auch den Verursacher – und er uns! Jedenfalls textet der Sänger der Live-Band spontan sein Lied um und ruft zur Begrüßung von der großen Bühne mehrfach „Chinta-Chinta-Chinta...“. So viel Ehre wurde uns noch nie zu Teil. Dankend drehen wir ab und finden schließlich abseits des Trubels ein etwas ruhigeres Plätzchen.

Die Sommerferien haben begonnen, entsprechend viel Betrieb auf den Straßen und am Strand. Doch uns beiden gefällt es hier, in Swinemünde – nachdem der Wochenendrummel am Hafen vorüber ist. Der Strand zieht sich in einer langgezogenen Bucht scheinbar unendlich weit. Am Horizont die Häuser der ersten deutschen Orte Ahlbeck und Heringsdorf. Sind neugierig, ob man den Grenzverlauf wohl ohne weiteres erkennt. Und ob! Zwar gibt’s hier unten am Wasser keine offiziellen Nationalitätshinweise und auch keinen Zaun, wie zwischen Nachbarn üblich. Doch diverse Verbotsschilder und unmissverständliche Aufforderungen, die wir entlang der naturbelassenen polnischen Küste zu keiner Zeit vermisst haben, stechen uns nun geradezu ins Auge: „Betreten nur nach Entrichtung der Kurtaxe ...“, „Strandburgen sind nicht erlaubt ...“, „Strandkörbe nicht umstellen ...“, Hunde – Kinder – FKK, alles ist nun wieder in deutscher Hand! Selbstverständlich fehlen nicht die Sanktionen mit entsprechenden Paragrafen bei Nichteinhaltung.


Abgeschreckt vom Schilderwald biegen wir ab, landeinwärts. Eine parallel zur Küste verlaufende ehemalige Landstraße wurde nach dem Schengener Abkommen zum Rad- und Fußweg umfunktioniert. Und dort wird dann auch ausführlich auf den Grenzverlauf mit Historie bis hin zu Flora und Fauna informiert. Reger Publikumsverkehr in beide Richtungen. So gelangen wir schließlich auf die stets gut besuchte Promenade. Per Fahrrad machen wir am nächsten Tag einen Antrittsbesuch in Ahlbeck und Heringsdorf. Am Ende der imposanten Seebrücke verweilen wir ein Weilchen auf einer Bank, umgeben von Möwengeschrei und Wellenrauschen. Ich schließe die Augen und träume ein wenig:strandkorbWo de Ostseewellen trecken an de Strand, wo de gäle Ginster bleugt in Dünensand,wo de Möwen schriegen grell in’t Sturmgebrus,Dor is mine Heimat, dor bün ick tau Hus!

 

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