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 Rückenwind

Zunächst wieder Seenebel. Doch zunehmender Westwind vertreibt ihn. Es bleibt aber diesig und ungemütlich. Die Böen blasen uns genau von achtern ins Cockpit und was viel wichtiger ist, in die Segel. Der Wind wird stärker, die Wellen höher. Wir bergen das Großsegel. Die Fock verrichtet gute Dienste, fahren ständig um die acht Knoten. Das Display zeigt in Böen acht Beaufort an, im Surf machen wir bis zu 11,5 Knoten Fahrt. Bei so viel Speed jenseits der Rumpfgeschwindigkeit verirrt sich schon mal der eine oder andere Schmetterling bei mir im Bauch. Bin froh, dass wir das Groß rechtzeitig niedergeholt haben. Und dann traue ich meinen Augen nicht: Eine etwas kleinere, leichte Hanse 30 taucht aus dem Dunst auf. Ist nur mit dem Groß, also ohne Fock, unterwegs. Die SURSULAPITSCHI (so heißen Segelboote!) treffen wir später noch häufiger in den Häfen wieder. So erfahren wir auch vom stolzen Skipper seinen Spitzenwert im Surf: Beachtliche 13 Knoten! Doch um die Halsen habe ich ihn nicht beneidet...

Bei diesen Wetterbedingungen können die meisten Häfen an der polnischen Küste, wie anfangs erwähnt, nicht mehr angelaufen werden. Als wir hinter dem Cup beim Leuchtfeuer Jastrzebia Gora um 30 Grad abfallen, haben wir für die verbleibenden vier Meilen, im Schutze der Steilküste, entspannte Segelbedingungen. Außerdem ist Wladyslawowo, der größte Fischereihafen Polens, bei fast jedem Wetter passierbar. Eine letzte kleine Hürde habe ich bereits im Vorfeld ausgeräumt. Denn die Aussprache polnischer Begriffe und Namen erschließt sich einem nicht immer so ohne weiteres. Und bevor mir versehentlich Wladiwostok oder die frühere Bezeichnung Großendorf über den Äther geht und zu Missverständnissen führt, habe ich mir vorsorglich die Lautschrift notiert: Wua-dis-ua-wowo ...da komm‘ mal einer drauf. Und prompt wurde ich über Kanal 10 höflich gebeten einzulaufen.

Dass das große Hafenbecken für Sportboote rein gar nichts bietet, ist uns nach den Anstrengungen des Tages ziemlich wurscht. Das Klo schließt um 20 Uhr und der nächste Bahnhof ist 400 Meter entfernt. Das zählt! Beim Sigthseeing durch den unattraktiven Ort landen wir unter anderem im Rathaus, das gleichzeitig ein weit sichtbares Leuchtfeuer ausstrahlt. Doch was sich hinter den behördlichen Mauern verbirgt, da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich... Zunächst gähnende Leere, keine Menschenseele – wie in deutschen Amtsstuben – bis der bis dahin unsichtbare Pförtner auf uns aufmerksam wird. Wir fragen ihn nach der Touristinformation. Da wir seinen polnischen Ausführungen nicht ganz folgen können, nimmt er uns kurzer Hand mit in seinen persönlichen „Hochsicherheitstrakt“. Wo normalerweise weniger attraktive Spindposter oder Fotos der Liebsten von der Wand lächeln, sind zig Monitore aneinander gereiht. Sämtliche Straßenzüge und Kreuzungen dieses mystischen Städtchens hat der Geheimnisträger von seinem abgewetzten Bürostuhl im Blickfeld. Und so führt er uns per Fingersprache über diverse Bildschirme bis zum Eingang der örtlichen Touristinformation. Und das ganze gleich nochmal, damit wir kein zweites Mal kommen müssen.

Am Abend dann, ein halbwegs feudales Abschiedsessen für Carsten. Mit einem heißen Kaffee im Magen macht er sich frühmorgens auf den Weg. Im Handgepäck rund 500 teils aufregende Seemeilen und ein paar „hübsche“ Erlebnisse. Die Rückreise mit der Wizz Air via Billund verlief unspektakulär, wie wir abends im Hafen von Hel erfahren. Auch Rolf und ich konnten im Gegensatz zum Vortag den sonnendurchfluteten Segeltag mit moderatem Wind aus NO genießen. Wohl auch, weil uns das Militär durch weitere Sperrgebiete freie Fahrt gewährte.

Die kleine Hafenstadt an der Südspitze der gleichnamigen 30 km langgezogenen, schmalen Halbinsel ist im Gegensatz zur „Fisch-Hauptstadt“ ein Touristenmagnet. Da wir bis zu unserem Endziel nur noch die Danziger Bucht überqueren müssen, genehmigen wir uns einen weiteren Hafentag. So folgen wir zunächst ganz relaxt dem emsigen Treiben, nachdem die ersten Busse und Ausflugsboote diesen geschichtsträchtigen Ort ansteuern.

Als durch den Trubel dann schließlich Jahrmarktsatmosphäre aufkommt, nehmen wir das Rad und treten in die Pedale. Vorbei an Souvenirläden mit farbenprächtigen Teddybären und anderen teils undefinierbaren kitschigen Stofftieren ergreifen wir die Flucht. Stückweit führt der Radweg abseits der vielbefahrenen Hauptstraße in das zwölf km entfernte beschauliche Örtchen Jastarnia. Der Wald ist gespickt mit Hinweisschildern: „UWAGA“, darunter das Symbol eines Schützen oder Panzers. Also, auch hier: Das Militär ist allerorts präsent. In Jurata ist dagegen reger Kurbetrieb der silbernen Generation spürbar. Viele gut erhaltene Bauten und schmucke Einfamilienhäuser zäumen den Weg bis in den Ortskern von Jastarnia hinein. Bis zum Strand sind es nur wenige Meter, ob zur offenen Ostsee oder jenseits, zur Danziger Bucht. Am idyllischen Hafenbecken gönnen wir uns zwischen Fischern und Hafenarbeitern eine Pause. Auch Sportboote finden hier ein ruhiges Plätzchen.

Wieder zurück auf der CHINTA, haben sich die Tagestouristen längst wieder verzogen. In dem beliebten „Kutter Restauracja“, dem Geheimtipp der Einheimischen, stärken wir uns und genießen die Ruhe am Abend.

 

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