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 Kurs Danzig

Am nächsten Morgen dann noch ein ausgiebiger Spaziergang um die Südspitze der langgestreckten Halbinsel. Als die ersten Tagesgäste einfallen, sehen sie nur noch unser Kielwasser. Auf unserer vorerst letzten Etappe müssen wir die stark frequentierten Schifffahrtsstraßen nach Gdingen und Danzig passieren. Erstaunlich viel Betrieb in der Danziger Bucht erfordert ein wachsames Auge. Bei Kaiserwetter segeln wir bis in die Flussmündung der Martwa Wisla, einem Nebenarm der Weichsel, hinein. Erst kurz vor dem ehrwürdigen, hoch aufragenden Denkmal, der Westerplatte, streichen wir die Segel. Dort, wo am 1.9.1939 der zweite Weltkrieg ausbrach. Beim Passieren des Mahnmals dippen wir die Nationale. Ein Scheißgefühl überkommt mir bei dem Gedanken, welch ein Unheil damals auf die Menschheit zukam.

Auf der einstündigen Flussfahrt bis zur Altstadt-Marina wird uns nicht langweilig. Viele dicke Pötte haben hier festgemacht, für Reparaturen oder zum Löschen der Fracht. Wassertaxen queren unseren Weg, eine gewaltige Kranplattform kommt uns entgegen. Sind auf der Hut, um die richtige Abzweigung in die Motlawa nicht zu verpassen. Kurz vor unserem Ziel noch eine Tankstelle. Wie schön, denn die Diesel-Anzeige nähert sich verdächtig dem roten Bereich. Die neue Fußgängerbrücke öffnet zweimal stündlich, wir huschen noch gerade so mit durch. Und dann sehen wir auch schon das Wahrzeichen von Danzig, das alte Krantor. Gegenüber liegt die Altstadt-Marina. Wir sind da – welch schönes Gefühl! Das Anlegebier haben wir uns nach 550 sm redlich verdient.

Bis zum Crewwechsel haben wir noch zwei Tage. Und die Neugierde ist groß in so einer schönen Stadt, wie Danzig. Die hilfsbereiten Studies der Hafenmeisterei statten uns beim Einchecken mit Stadtplan und weiteren interessanten Informationsbroschüren aus. Nun hält uns nichts mehr vom ersten spontanen Erkundungsgang durch die Altstadt ab. Nur kurz über die Brücke und schon stehen wir auf dem Langmarkt und schlendern weiter in die Langgasse. gdansSchnell springt der Funke über. Auf Anhieb irgendwie sympathisch und beeindruckend – die anmutenden Fassaden, die schönen Torbögen. Studenten spielen dort klassische Musik und freuen sich über ein kleines Zubrot. Gemütliche Lokalitäten reihen sich aneinander, alle gut besucht. Wir bummeln mit dem Strom der vielen Menschen und atmen genüsslich die Atmosphäre ein. Am Ende der Gasse dann doch ein neugieriger Blick in den Stadtplan: Vor uns das exorbitante Goldene Tor, dahinter Folterkammer und Bernsteinmuseum und gleich im Anschluss das Hohe Tor.

Hinter der Unterführung zeichnet sich ein gigantischer Glaspalast ab. Die „Galeria Baltycka“ ist ein Shoppingcenter im modernen Baustil. Auf dem Platz davor eine große Menschenansammlung und – ansprechende Live-Musik einer 5-köpfigen Band. Welch ein Empfang! Erst als die Musik verstummt ziehen wir weiter. Parallel zur Langgasse stehen wir schon bald staunend vor der beeindruckenden Marienkirche und der Königlichen Kapelle. Ganz zufällig landen wir dann in einer gemütlichen Kneipengasse. Wie das Danziger Bier wohl schmeckt? Das zünftige Brauhaus gibt Antwort. Angeblich halten Tyskie, Warka, Zywiec & Co sogar das deutsche Reinheitsgebot ein. Zurück am Wasser, entlang der Uferstraße, vis a vis zur Marina, wiederum verblüffende Eindrücke. Das abendliche Sonnenlicht erzeugt eine sonderbare Spiegelung im Wasser. Ob dies wohl das berühmte Danziger Goldwasser ist? Überwältigt von den Eindrücken des Tages genießen wir den ausklingenden Abend im Cockpit.

Bei der ausgetüftelten Besichtigungstour am nächsten Tag kommen wir uns schon recht vertraut vor. Denn so manche Sehenswürdigkeit haben wir ja schon am Vortag eher zufällig wahrgenommen. Die meisten Highlights sind gut auf Schusters Rappen erreichbar. Das Marinemuseum ist gleich bei uns um die Ecke und natürlich sind wir neugierig, wie es im Krantor aussieht. Sogar der im ursprünglichen Stil wiederaufgebaute Bahnhof und die alte Markthalle sind lohnende Ziele, auch ohne Zugfahrt und Einkauf. Am Nachmittag mache ich mich abseits der Altstadt auf den Weg – ohne festen Plan. Über die Fußgängerbrücke, vorbei am Fischmarkt, erreiche ich schon bald einen kleinen Seitenarm der Motlawa und folge ihm. So lerne ich auch ganz normale und schon mal weniger gepflegte Wohnviertel der Stadt kennen. Bei der Großen Mühle lege ich eine Pause ein und lasse von einer Parkbank die ländlich anmutende grüne Oase auf mich wirken. Schließlich lande ich auf dem Rückweg mal wieder in der Langgasse.marienkirche

Als hätte ich heute nicht schon genug Bewegung gehabt, ist mit vor dem Abendessen ganz spontan nach einer Radtour. Die Westenplatte geht mir nicht aus dem Kopf. Sind auch nur so um die vier km – denke ich. Letztendlich ist es dann doppelt so weit, plus Rückweg... So gibt es recht spät Essen. Doch das gewaltige Mahnmal, so ganz aus der Nähe, hat mich sehr beeindruckt und eine nachhaltige Wirkung bei mir hinterlassen. Habe mich dann noch sehr intensiv mit der bewegten Geschichte Polens befasst und muss feststellen, dass das Land nie so richtig zur Ruhe gekommen ist und irgendwie ständig im Wandel war. Hier ein paar „Meilensteine“:

17.–18. Jahrhundert: Viele Kriege und innere Unruhen

1831 Teilung in preußische und russische Besatzungszonen

1905 Wendepunkt vom Sozialismus zu nationaler Unabhängigkeit

1916 Gründung eines selbständigen polnischen Staates

1919 Polen erreicht seine Souveränität

... Immer wieder neue Grenzverläufe

1.9.1939: Angriff Deutschlands auf Polen löst den 2. Weltkrieg aus

Zwei Wochen später Einmarsch der Roten Armee

1945 Verschiebung des polnisches Staatsgebietes von Ost nach West

... Viele Unruhen und Aufstände in polnischen Städten

1980 Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc unter Lech Walesa

1989 Erste freie Wahlen! Demokratischer, marktwirtschaftlicher Wandel

1990-1995: Lech Walesa ist Staatspräsident von Polen

... Diverse Wechsel durch Parlaments- und Präsidentschaftswahlen

1999 Beitritt in die NATO
2004 Beitritt in die EU
2007 Schengener Abkommen; Öffnung von Land- und Seegrenzen

2015 Die PiS-Partei gewinnt Parlamentswahl – und spaltet das Land

... und morgen?

Mit der polnisch-russischen Grenzregion hatte ich mich schon daheim näher befasst. Wäre auch ganz gern mal ans Frische Haff nach Elbag und Frombork oder Braniewo gefahren. Die An- und Abfahrt mit dem Bus erschien mir dann aber doch zu aufwändig. Auch Rolf zog eine Radtour ins benachbarte Seebad Sopot vor. So lernten wir mit Oliwa den westlichen Teil Danzigs, den waldreichen Küstenstreifen sowie den mondänen Vorzeigeort näher kennen. Doch die Rücktour zog und zog sich...

 

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