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 Zurück in die Zukunft

Da wir inzwischen auf Nirogeländer und beheizte Klobrillen eingestellt sind, werden wir diesmal enttäuscht. Im maroden Hafenbecken finden wir zwischen Fischer- und Freizeitbooten noch eine kleine Lücke für unsere CHINTA. Zeitgleich kommt der mit gelber Sicherheitsweste ausgestattete Hafenmeister auf seinem Roller angesaust und hält seinen Daumen wohlwollend nach oben. Mit breitem Grinsen gibt er mir in fließendem polnisch zu verstehen, dass wir dort gern ein paar Tage liegen können und zeigt immerzu auf einen Container, der sich später als das Sanitärgebäude herausstellt. Dann drückt er mir noch ein buntes Informationsheft für Touristen in die Hand, in deutscher Sprache wohlgemerkt. Den Code für WLAN und WC hat er vorsorglich auf den Umschlag gekritzelt. Mit 40 Zloty Hafengeld in der Tasche knattert er winkend davon.

Die meisten Polen wirken auf uns Deutsche zunächst reserviert. Wenn man sie anspricht, ändert es sich durchaus. Die meisten jüngeren sprechen englisch, die älteren freuen sich auch schon mal ihre Deutschkenntnisse aufzufrischen.

szlak latarnIm Gegensatz zum weniger einladenden Hafen freue ich mich über die Frische, die der Ort ausstrahlt. Mit gemütlichen Lokalitäten, guten Einkaufsmöglichkeiten und einer sauberen Strandpromenade sind Touristen hier willkommen. An der hohen Kaimauer des Flusses Slupia sorgen diverse Segelboote, die meisten deutscher Herkunft, für maritimes Flair.

Am Abend ist uns nach schönem, kühlen polnischen Bier zu Mute. Musikklänge aus dem angrenzenden Waldgebiet ziehen uns magisch an. Wir staunen nicht schlecht, was uns dort erwartet: Die Feldküche des „Blücher Bunkers“ hat heute einen „Bunten Abend“ organisiert, mit Fleisch vom Grill, Bier vom Fass, Livemusik und Dans op de Deel. Gut gelaunte und zum Teil ganz schön angeschäkerte Polen, offensichtlich Edelreservisten der Infanterie, geben uns keine Chance zu entkommen. Schon bald finden wir uns in einer polnisch-deutschen Polonäse wieder. So friedlich verlief die Völkerverständigung nicht immer. Der zu später Stunde aufkommende Nebel hatte wohl zweierlei Gründe. Doch mit guter Navigation erreichen wir zielsicher unser Nachtlager. Hatten ja tagsüber schon geübt...

Neben der einmalig schönen Natur ist die Ostseeküste Polens von zwei Dingen geprägt: Fischfang und Militär. Die gewerblichen Fischer fahren mit ihren Booten weit hinaus in die Ostsee und nehmen, meist gut beladen, wieder Kurs auf ihren Heimathafen. Der Küstenbereich ist garniert mit Fischernetzen unterschiedlicher Art und Länge. So hat der Fisch kaum Chancen zu entkommen. Dies trifft für die Segler, wenn sie denn nicht auf der Hut sind, auch zu. An den Flussmündungen stehen außerdem die Angler mit ihren langen Ruten dicht an dicht. Mit störrischer Ruhe und der Hoffnung auf den großen Fang ein weit verbreiteter Zeitvertreib in der polnischen Männerwelt.

Der zum Museum ausgebaute Blücher-Bunker ist nur ein Relikt der bewegten Geschichte Pommerns. Ein weiteres trauriges Kapitel wurde hier, unmittelbar vor der Küste, geschrieben: Kurz vor Kriegsende sank 1945 die Gustloff mit drei Torpedos im Rumpf und über 10.000 Flüchtlingen an Bord. Es gab nur wenig Überlebende.

Hier, in und um Ustka, ehemals Stolpermünde, besteht auch heute noch ein großer Stützpunkt des polnischen Militärs. Seit dem Beitritt zur Nato jedoch von ganz anderer Bedeutung. Denn bis zur russischen Enklave um Kaliningrad, das ehemalige Ostpreußen, ist es nicht weit. Insofern ist die unmittelbar angrenzende Halbinsel Hel heute von noch größerer strategischer Bedeutung. Entlang der gesamten polnischen Küste entdecken wir unzählige hohe Sendemasten und Funkanlagen. In den See- und Landkarten sind die vielen militärischen Sperrgebiete nicht zu übersehen.

Bei unserer nächsten Tagesetappe bekommen wir es mit einem Sperrgebiet ganz anderer Art zu tun. Der vorgelagerte Küstenstreifen des „Slowinski Park Narodowy“ ist in einem Ausmaß von 2 x 20 sm dauerhaft für jeglichen Schiffsverkehr gesperrt. Zum Schutze der Natur. Auf die dahinter liegende sogenannte „Polnische Sahara“ freue ich mich ganz besonders.

Der Nebel der Nacht hat sich am nächsten Morgen verzogen. Nur nasse Spurenelemente an Deck lassen noch Rückschlüsse zu, und der Kopf ist wieder klar. Bei fast glatter See sorgt zunächst der Motor für weitere Meilen auf der Logge. Ein deftiges Frühstück und ein extra starker Kaffee, mit salziger Seeluft gemischt, sowie die Erinnerungen an den letzten Abend sorgen für gute Laune an Bord.

Doch die schwindet dahin, als bei zunehmendem Wind die Segel zum Einsatz kommen. Das Groß ist schnell gesetzt, doch die Rollfock „klemmt“.im Mast Eigentlich arbeitet die Furlex stets mängelfrei. Doch heute versagt sie, auch nach mehrfachen Versuchen. Unten, an der Rolle sieht alles gut aus. Ich ahne Böses. Ist die Ursache etwa oben am Mast versteckt? Wurde am Tag zuvor womöglich die Spi-Schot mit eingerollt oder.... Bin ratlos – bis mir auf halber Höhe eine unscheinbare kleine Auswölbung an der Fock ins Auge springt.
Na klar! Schon Tage zuvor hatte sich ein Pad teilweise gelöst, das das Segel in Höhe der Saling schützen soll. Und nun hat es sich so verklebt, dass es nicht mehr vor- und zurückgeht. Carsten freut sich schon auf seinen Einsatz. Per Bootsmannsstuhl und Spischot erreicht er seinen Einsatzort in luftiger Höhe. Die notwendige OP ist schnell vollzogen und so freuen wir uns schon bald über das ausgerollte Vorsegel. Zumal der Wind auf West gedreht hat und wir erstmals mit raumen Wind weiter ostwärts ziehen.

 

 

 

 

 

 

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