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Baby an Bord

Gute Verpflegung ist für die Stimmung an Bord oberstes Gebot. Für einen achtmonatigen Leichtmatrosen gilt das allemal. Unter dieser Prämisse sind wir mit 20 Hipp-Gläsern, ausreichend Feuchttüchern und Windeln gut gewappnet.mp2020 baby Auch eine Hängematte wurde in der Achterkabine vorausschauend montiert. Die letzte Woche unseres Törns wollen Mutter und Sohn uns bis zu unserem Heimathafen begleiten. Auch für mich eine neue Herausforderung. Bislang sah ich das Schild „Baby an Bord“ nur an Autoscheiben kleben.

Bin gespannt, ob dem Kleinen in der Woche Seebeine wachsen. Die erste Nacht schläft er wie ein Stein, besser als zu Hause. Doch sobald Jano die Augen aufmacht, übernimmt er das Kommando auf der CHINTA. Fahrzeiten bestimmt allein er. Und wenn es mal zu laut wird, ist Landprogramm angesagt. In seinem Buggy und dem Schnüffeltuch an der Nase ist er das liebste Kind.

Die kleinen bunten Badehäuschen am Oststrand, die Tiere auf den Weiden und die schönen alten Häuser in den engen Gassen der Inselmetropole verpasst er allerdings. Selbst die holprigen Kopfsteinpflaster bringen ihn nicht um den Schlaf. Erst im Nettomarkt nimmt er interessiert die neuen Düfte wahr und freut sich über weitere Warenzugänge an Bord.

mp2020 baby1Nach kurzer Eingewöhnungszeit und einer weiteren relativ ruhigen Nacht folgt die spannende Phase auf See. Bewusst wählen wir kurze Distanzen und auch die weiteren Rahmenbedingungen sind für die ersten Segelerfahrungen vertretbar. Gut fixiert und mit Resten der letzten Mahlzeit im Gesicht sitzt unser Leichtmatrose in seinem Buggy, der fest im Cockpit positioniert ist. Eigentlich fehlt ihm jetzt nur das Kopfsteinpflaster, doch das lässt sich die Tage gewiss noch durch Wellengang ersetzen.

Heute aber genießt er ganz offensichtlich die gute Seeluft bei moderaten Segelbedingungen und schaut interessiert über den Bug hinweg unserem nächsten Ziel entgegen. Bei leichtem Nordwestwind motoren wir zunächst. Als wir zwischen den Inseln Drejø und Avernakø das Vorsegel ausrollen, träumt Jano bereits von seiner ersten Weltumsegelung. Erst nach dem Anlegemanöver in Fåborg meldet sich sein Forscherdrang zurück. Unvermittelt fordert der neue Kommandant Landgang ein. Ersten Segeltest somit bestanden, würde ich sagen.

Nach ausgiebigem „Frokost“, also unserem zweiten Frühstück, testen wir das Kopfsteinpflaster der „Gågade“. Jano freut sich über die guten Straßenverhältnisse und das bunte Treiben in der City. Wie von Geisterhand gesteuert, verschwinden die Damen immer mal wieder hinter den bunten Auslagen der dänischen Geschäftswelt. Und mich zieht die lange Schlange vor der „Vaffelbageri“ magisch an. Das Eis schmeckt köstlich und die frisch gebackene Waffel ganz besonders.

Mit zwei Dosen Bier bewaffnet mache ich am Abend eine Stippvisite auf der STJÄRNA, um Neuigkeiten mit meinem Vereinskameraden auszutauschen. Schon in Lauterbach waren wir uns begegnet.

Die Welt ist klein. Auch Arved Fuchs läuft hier am Nachmittag mit seiner DAGMAR AAEN ein, um Diesel für seine Expeditionsfahrt in‘s Wattenmeer zu bunkern. Und das dauert ein Weilchen, denn die fünf Tanks des umgebauten Haikutters können sage und schreibe 4.500 Liter aufnehmen. Die CHINTA begnügt sich dagegen mit 150 Liter, das reicht für die ganze Saison und ein schmales Portemonnaie.

Das Leben mit dem Lütten ist spürbar bunter geworden. Nun bin ich neugierig, was er vom Kleinen Belt hält. Denn der ist längst nicht immer freundlich gestimmt. Aber heute gewährt er uns bei leichter Brise aus West eine ruhige Fahrt unter Vorsegel. Nur kurz kommt das Ölzeug zum Einsatz, ansonsten verwöhnt uns die Sonne.

Die Dänische Südsee liegt hinter uns, als wir an der Schwimmbrücke im modernisierten Hafen von Mommark festmachen. Der angrenzende mp2020 palmenCampingplatz, der feinsandige Strand und auch die Lokalitäten – alles tippitoppi. Das war nicht immer so. Unser Matrose fühlt sich hier am Strand besonders wohl. Kein Wunder, sein Sandkasten zu Hause ist ihm viel zu klein.

Am Nachmittag taucht plötzlich ein uns vertrauter rot-weißer VW-Bus auf. Chrissi überrascht uns mit einem Kurzbesuch. Ihr Freund ist im wahrsten Sinne auf der Strecke geblieben. Ab Kollund wählte er für sein geländefähiges Mountainbike den „Gendarmenstien“, immer dem Küstenverlauf folgend. Es gibt viel zu erzählen und für den Gaumen leckeren Fisch.

Für die 20-Meilen-Etappe nach Sønderborg mache ich mir wegen unserem jüngsten Crewmitglied keine Sorgen. Wer den Kleinen Belt ohne Blessuren übersteht, ist für Größeres bereit. Der Wind weht zunächst weiterhin aus Nordwest, Groß- und Vorsegel kommen zum Einsatz. Die leichte Dünung nimmt Jano als Aufforderung zum Pennen an. Und wir müssen mal wieder die Arbeit machen... Nach den Untiefen von Pølsrev geht es mit halbem Wind flott weiter.

Bei einer neben uns motorenden Dehler werden nun auch die Segel gesetzt. Der Motor verstummt, das Matchrace kann beginnen. Ab Leuchtturm Kegnæs war ich auf Motor eingestellt, doch der Wind dreht im richtigen Moment auf West. So können wir nach zwei kurzen Schlägen Sønderborg halten. Warum nicht einfach mal das Glück am Schopfe packen.

Als Willkommensgeste ein paar Regentropfen im Hafen. Wir ignorieren sie einfach und freuen uns auf eine moderne Stadt mit Alsion, Alsik, Borgen, der neuen Promenade und dem schönen Strand, gleich um die Ecke.

 Nun fühlen wir uns schon fast wie zu Hause, denn die Sonderburger- und Geltinger Bucht sind beliebte Ziele für Kurzausflüge von Flensburg. Ganz so groß ist unser Heimweh dann doch nicht. Nochmal ausgiebig bummeln, chillen und natürlich mit Jano ans Wasser zum großen „Sandkasten“. Wir haben uns gut aneinander gewöhnt, wenngleich der Bootsmann in spe das Kommando weiter fest in der Hand hält.

Schnell sind wir von Inga‘s Vorschlag überzeugt auch noch einen Schlenker nach Gråsten zu machen. Schließlich hatte sie eine ganze Woche all inclusive gebucht und außerdem gibt es dort ein kinderfreundliches Schwimmbad. Und wenn die Königsfamilie im Schloss residiert, marschiert freitags die Leibgarde durch das kleine Städtchen, mit anschließendem Wachwechsel. Na denn...

Bei schwachen südwestlichen Winden besteht Jano wieder auf volle Besegelung, zumindest ab Kragesand. Bei der Brückenöffnung in Egernsund – stündlich um 15 nach – ist er hellwach und staunt, dass die Straße hier plötzlich hoch in den bewölkten Himmel ragt.

Mutter und Kind verabschieden sich für einen Landgang und wir machen nach der vorletzten Etappe unsere alten Beine lang. Die kurzen Ruhephasen müssen schließlich ausgenutzt werden.

Als Inga dann mit ihrer Nichte Enna auf dem Arm zurückkehrt, reiben wir unsere müden Augen, die ohne Brille kaum noch etwas wahrnehmen. Kurz darauf folgen die dazugehörigen Eltern, die freundlicherweise Jano im Gepäck haben. Überraschung geglückt! Die Herzfrequenz normalisiert sich wieder. Auf dem Rückweg vom zweiwöchigen Campingurlaub in Dänemark gibt es somit ein vorzeitiges Wiedersehen an Bord der CHINTA.

Die letzte kurze Etappe nach Flensburg wird für Jano, bei sehr böigen Windverhältnissen, ganz ungeplant zur Königsdisziplin. Westliche Winde mit 11 – 18 Knoten gewähren guten Vortrieb. Doch kaum ist das Vorsegel nach der Brückenpassage ausgerollt, bläst uns eine Böe mit 28 Knoten den Marsch – und Respekt ein. So sind wir vor weiteren Widrigkeiten gewarnt und entsprechend auf der Hut.

90 Minuten später hat Jano auch diese Prüfung gemeistert und nach insgesamt einer Woche auf dem Wasser sich seinen ersten Segelschein mit Auszeichnung verdient. Seine Seebeine können nun weiter wachsen, wie übrigens seine Haare auch. Denn er kam mit Glatze und nun sind es schon sieben Millimeter im feinen nordischen Blond. Was Seeluft so alles bewirkt...

 

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